Lese ich zur Weihnachtszeit über Wunschlisten von Kindern, fällt mir auf, wie stark sich das Verhältnis zu Technologien im Alltag verändert hat. Das macht auch die jüngst veröffentlichte Studie Jugend, Information, (Multi-)Media (JIM) deutlich. Schauen wir uns nur mal an, welche elektronische Geräte Teenager in Deutschland heute zur Verfügung haben:
Als Teenager der 70/80er Jahre brachte mein persönlicher Freundeskreis immerhin nahezu durchgängig Fernseher im Haushalt und vielleicht das TV-Videospiel Pong an den Start. Sehr verbreitet waren die programmierbaren Taschenrechner von HP mit Magnetkartenspeicher. Ganz verwegene Jugendliche der 80er speicherten auf Datasseten Programme für ihren zärtlich "Brotkasten" genannten C64 ab.
Ein persönlicher Gadget-Vergleich
Vergleichen wir die in der Studien-Grafik genannten Technologien in der Reihenfolge wie häufig sie heutige Teenager nutzen damit, wann ich Zugang zu den jeweiligen Geräten im Laufe meiner Biographie hatte:
Handy
Festnetztelefon mit Schnur am Hörer war Standard in meiner Jugend (aber: ein Telefon für alle Familienmitglieder). Mein erstes Mobiltelefon schaffte ich mir Mitte der 90er im Laufe der Berufstätigkeit an. Zuvor freute ich mich über meinen Palm Pilot als elektronischen Begleiter für die Kontaktverwaltung, der auch den Taschenkalender in punkto Termine und Notizen ersetzte.
MP3 Player
Als Studentin hatte ich endlich einen Walkman, der Cassetten abspielte. Einen MP3-Player legte ich mir erst im Berufsleben zu.
Computer
Ein PC im Kinderzimmer war lange genauso verwegen wie ein eigener Fernseher! Meinen ersten Computer (PC-Klon) kaufte ich als Studentin gemeinsam mit einem Komilitonen -- ach ja: ohne Festplatte! Aber hey, mit 2(!) Floppy-Disk-Laufwerken. Für die erste 2-Tasten-Maus mussten stolze 299 DM hingeblättert werden.
Laptop
Wurde zunächst als Schlepptop zum begehrten Arbeitsgerät in der Berufstätigkeit.
Internet
Erst als ich an der Uni einen Großrechner gefunden habe, der angeschlossen war (FTP & Telnet -- WWW gab's noch nicht, auch Gopher kam erst später dazu).
Tragbare Spielkonsole
Mein Gameboy vertrieb mir im ersten Job die Langeweile auf langen Zugfahrten. Optik und Spielangebot waren um Dimensionen unterirdischer als es aktuelle Konsolen wie meine PSP bieten.
Always online?
Nicht wirklich: Mühsam per Akustikkoppler und FidoNet (Mailbox-Netzwerk) wurde in der Studienzeit der Austausch mit Kontakten in anderen Städten online gepflegt. Dann folgte im Berufsleben der 90er ein CompuServe-Zugang per Telefonverbindung zum nächstgelegenen Einwahlknoten. Je nach Wohnort ein kostenintensives Ferngespräch plus Online-Gebühren -- die "flat rate" war noch nicht erfunden!
Und heute? Süsser die Handys nie klingen, als zu der Weihnachtszeit...
Genug der nostalgischen Betrachtung. Eine faszinierende Entwicklung hat besonders im letzten Jahrzehnt stattgefunden: MP3-Player haben sich rasant verbreitet, Handys legten eine enorme Entwicklung hin und das Internet ist in den Alltag von Jugendlichen eingezogen. War es früher ein Traum, dass das Internet aus jeder Steckdose kommt, ist es in der BRD inzwischen nahezu flächendeckend sogar mobil verfügbar.
Anders als viele Erwachsene ist Technologie für heutige Teenager daher nichts besonderes: war doch schon immer da. Denn machen wir uns mal folgendes klar:
Für Teenager haben Mobiltelefone schon immer existiert
Ein Kind im 4. Schuljahr ohne Handy ist eine Rarität: Die Studie JIM 2010 - Jugend, Information, (Multi-)Media belegt, dass praktisch jeder Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren ein eigenes Handy besitzt. Auch die Eltern nutzen Mobiltelefone (durchschnittliche Anzahl von Handys im Haushalt: 4,0) -- unvorstellbar ist für Teenager, wie sich Menschen verabreden können, ohne per SMS oder Handy-Anruf letzte Details zum Treffpunkt abzuklären.
Für Teenager sind Computer, Musikabspielgeräte oder Telefone "portable" (tragbar)
Auf Platz 2 der Liste, welche Geräte Jugendliche ihr eigen nennen, folgt der MP3-Player. Einfach überall dabeizuhaben und ausgezeichnet unterwegs nutzbar. Genauso wie die weit verbreiteten tragbaren Spielkonsolen. Der Computer auf Platz 3 der elektronischen Geräte Jugendlicher ist eher ein Laptop als ein Desktop Computer. Es fällt auf: Diese Tools unterstützen die Mobilität der Teenager, sie sind einfach zu transportieren und damit stets verfügbar.
Für Teenager sind "always on" und "flat rate" der Normalzustand
Etwa neun von zehn Jugendlichen nutzen regelmäßig (zumindest mehrmals pro Woche) das Internet. Chatten per Instant-Messenger, in Social Networks wie SchülerVZ oder Facebook bestimmt neben eMail und per Skype mit Freunden telefonieren die meiste Zeit der Nutzung. Das "always on" kostet heute "nur" eine flat rate-Gebühr, munter werden verschiedene Kanäle parallel genutzt. Das die elektronische Kommunikation und das Bereitstellen von Informationen im Internet Kosten verursacht ist nicht auf dem Radar der Jugendlichen - woher auch?
Für Teenager sind Produkt- und Unternehmensinformation schon immer online
So wie Jugendliche selber sehr online orientiert sind und sie zu vielen der Produkte, für die sie sich interessieren, im Internet Informationen finden können, ist dies der Normalzustand der Informationsbeschaffung seit sie mit der Maus klicken. Produktmarken auf ihren Social Media-Plattformen werden eher als Standard wahrgenommen, nicht als etwas Herausragendes, wie es von uns erwachsenen Marketeers gerne gefeiert wird.
Fazit: Der Geek von gestern ist quasi der Teenager von heute
Technologie-Nutzung, die noch vor zwanzig Jahren einen Computer-Geek kennzeichneten, ist heute Standard im Jugendzimmer. Mit dem feinen Unterschied, dass "old school Geeks" ein tieferes Verständnis für die von ihnen genutzten Technologien aufweisen.
Jedenfalls wird durch diese Betrachtung sicher verständlich, warum es für heutige Teenager nicht nachvollziehbar ist, wenn Produktanbieter, Shops oder künftige Arbeitgeber im Internet gar nicht oder mit schmalen "Web-Visitenkarten" vertreten sind...
Fotos: somadjinn / lusi / schnaibel @ sxc.hu • Chart: JIM 2010
PS: Dankeschön, Wikipedia!
Beim Schreiben dieses Artikels freut es mich, dass ich die quasi prähistorischen Gadgets auf Wikipedia beschrieben finde und so aufwandsarm dorthin verlinken kann. Zum Beispiel für diejenigen, die von den erwähnten Geräten keine Kenntnis haben, weil sie erst später mit Computern und Internet in Kontakt kamen. Damit diese freie Enzyklopädie weiterlebt, braucht sie Spenden. Helft dabei doch einfach mit:
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