Posterous theme by Cory Watilo

Wertekampf • re:publica Take-away

Wie immer ein Erlebnis: Der zeitlich leider extrem knapp bemessene Vortrag “What’s Next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren” von Prof. Dr. Peter Kruse wurde fulminant präsentiert. Seine Vortragsvorbereitung für die re:publica 2010 war nach eigenen Aussagen durch seine Verärgerung über emotional geführte Diskussionen pro & contra Internetnutzung geprägt. Gar als "Glaubenskrieg" tadelte er die Auseinandersetzung der Experten, die wenig an Fakten orientiert geführt würde.

Also hat er rund 200 Interviews mit Internet-Nutzern für die re:publica hinsichtlich ihrer "kulturellen Wertemuster" untersucht. Und siehe da: Es zeigen sich zwei extrem abgegrenzte Gruppen, die zwei ganz verschiedene Präferenzmuster in ihren Werteeinstellungen zeigen:

  • "Digital Visitors"  - sehen im Internet Intransparenz und Bevormundung sowie Überforderung und Oberflächlichkeit
  • "Digital Residents" - sehen im Internet verlässliche Information und Beziehungen, sie wollen Dynamik verstehen und aktiv mit gestalten

"Wir haben hier eine merkwürdige Situation: Die Leute wissen ganz genau worüber sie reden. Die Leute tauschen keine Fakten und keine Informationen aus, sondern sie haben unterschiedliche Bewertungen. Und eins kann ich sicher sagen: Wo immer sie mit einem Menschen zusammen sind, der sozusagen das gleiche Produkt / das gleiche Objekt betrachtet, und im Prinzip faktisch auch gleich einschätzt, aber ganz unterschiedlich bewertet, da wird es sehr sehr schwer miteinander zu sprechen. ... Es muss zu tatsächlichen Konflikten in der Kommunikation kommen."

Das Begriffspaar Digital Residents / Digital Visitors hat sich auch in Diskussionen anderer Vorträge der re:publica 2010 interessanterweise als wesentlich tragfähiger gezeigt, als die 2001 entwickelte, quasi auf dem Geburtstdaum beruhende Abgrenzung "Digital Natives" / "Digital Immigrants" von Marc Prensky. Die neu formulierten Bezeichnungen haben keinen Altersbezug, sondern basieren auf tatsächlichen Einstellungen und Bewertungsmaßstäben statt auf zugeschriebenen Fähigkeiten bestimmter Altersgruppen quasi aufgrund der erfahrenen Durchdringung ihres Alltags mit digitalen Nutzungsmöglichkeiten.

Weitere Kernthemen des Vortrags

  • Hypothese 1
    Die Schärfe des Disputes pro und contra Internet ist Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen
  • Hypothese 2
    Die Veränderungen durch das Internet sind systembedingt und daher außer durch Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen
  • Hypothese 3
    Die Social Software des Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken
  • Hypothese 4
    Das Internet führt zur Erhöhung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft. Eine Re-politisierung jenseits der Parteien ist nur konsequent
  • Hypothese 5
    Die Lawine donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit ist nicht notwendig. Und bist Du nicht willig, so brauch ich ... Geduld.

-> Vortragsfolien / Video Prof. Peter Kruse @ re:publica 2010

-> Vortrags-Videos auf Youtube (bessere Qualität)
    Peter Kruse #rp10 Teil 1 // Peter Kruse #rp10Teil 2 // Peter Kruse #rp10Teil 3

-> Twitter-Feed von Prof. Peter Kruse: @Peter_Kruse

-> Interview 25. März 2010 in Horizont.net "Revolution 2.0: Zukunftsforscher Peter Kruse über den Boom von sozialen Netzwerken"